Die Sehnsucht nach dem Genie

February 28, 2009 · verfasst von: DCA

©istock.com/OliverKorb
Meisterwerke - mit und ohne Meister: In der abendländischen Antike galt er als Meister der Dichtung: Homer. Bis heute genießt der Schöpfer der Epen "Ilias" und "Odyssee" hohes Ansehen. Doch würde man seine Dichtung unter dem Aspekt des Urheberrechts betrachten, sehe sich der erste namentlich bekannte Dichter Europas wohl einer Welle von Unterlassungsklagen und Schadensersatzforderungen ausgesetzt. Zahlreiche sogenannte Rhapsoden hatten schon lange vor ihm mit den Erzählungen vom Kampf um Troja und dem listenreichen Odysseus ihr Brot verdient.
 
Doch die Bestohlenen klagen nicht, ja sie fühlen sich nicht einmal um ihr "Copyright" betrogen. Denn Homer lebt auf der Schwelle eines medialen Umbruchs. Kulturen, deren kollektives Gedächtnis auf mündlicher Überlieferung basiert, sind Begriffe wie Urheber, Original oder Ideenklau fremd. Ähnlich wie die Gebrüder Grimm mit ihren "Kinder- und Hausmärchen" baut auch Homer auf das unbekannte Kollektiv von in einer mündlichen Tradition stehenden Erzählern, deren Stoff er künstlerisch bearbeitet und schriftlich festhält.
 
Der Vergleich zeigt zugleich, dass sich in Sachen Urheberrechtsbewusstsein seit der Antike einiges getan hat. Zumindest verschweigen die zwei gelehrten Brüder ihre Quellen nicht und erläutern im Vorwort ihre poetische Intention: "Es war vielleicht gerade die Zeit, diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltner werden."
 
Die Grimms berichten, dass ihnen eine Bäuerin aus dem Dorfe Niederzwehrn bei Kassel die meisten und schönsten Märchen des zweiten Bandes erzählt habe: "Dabei erzählte sie [...] erst ganz frei, dann, wenn man es wollte, noch einmal langsam, so dass man ihr mit einiger Übung nachschreiben konnte. Manches ist auf diese Weise wörtlich beibehalten."
 
Solche Beschreibungen sucht man bei Homer vergeblich. Zu seiner Ehrenrettung seien nicht nur die mehr als 2.300 Jahre angeführt, die ihn von den Brüdern Grimm trennen, sondern auch die sprachliche, kompositorische Einheit seiner Epen. Die so genannte "Homerische Frage" nach der Urheberschaft von "Ilias" und "Odyssee" ist von der Forschung nicht hinreichend beantwortet. Letztendlich wird sich wohl auch nicht mehr mit absoluter Gewissheit feststellen lassen, ob Homer alleiniger Verfasser der Epen ist oder ob eine Miturheberschaft auf vertikaler Arbeitsteilung vorliegt wie in "Wer ist Miturheber?"beschrieben.
 
Allerdings scheint in unserer Kultur ein Verlangen, ja eine Giernach individueller Urheberschaft zu bestehen. Der Geniekult des 18. Jahrhunderts wirkt hier noch nach. So suchte die Germanistik lange Zeit nach dem unbekannten Dichter des "Nibelungenliedes", bis sie irgendwann resigniert feststellte, dass man auf einen mittelhochdeutschen Homer wohl verzichten muss.
 
Ähnlich, ja noch schlimmer ergeht es den Staatlichen Museen zu Berlin, als herauskommt, dass das Gemälde "Der Mann mit dem Goldhelm" zwar aus dem Atelier Rembrandts, nicht aber von dessen eigener Hand stammt. Die falsche Zuschreibung lässt sich mit einem Statut aus dem 17. Jahrhundert erklären, das einem Künstler das Recht zubilligte, alle in seiner Werkstatt gefertigten Bilder unter eigenem Namen zu verkaufen. Rembrandt ist also nichts anzulasten, doch durch die Neuzuschreibung sah sich die Berliner Gemäldegalerie um eins ihrer Prunkstücke gebracht: Dem Meisterwerk war schlicht und ergreifend sein Meister abhanden gekommen. Nimmt man den Sturm der Empörung zum Maßstab, dann hörte das Bild - ohne seine Qualität eingebüßt zu haben - damit auch auf ein Meisterwerk zu sein.

Quellen:
Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, Bd. 1. München 1984.

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