Bertholt Brecht wäre vermutlich begeistert von den Möglichkeiten der neuen digitalen Medien insbesondere des Internets gewesen, denn es macht uns alle zu potenziellen Autoren, die sich am demokratischen Meinungsprozess beteiligen und sich öffentlich Gehör verschaffen können.
Tatsächlich ist es so, dass wir heute mit wenigen Klicks aus einer Fülle von Informationen auswählen können und dies zu allen erdenklichen Themen und aus allen erdenklichen Quellen, seien sie kommerziellen, öffentlichen oder rein privaten Ursprungs. Zudem können wir unsere Meinung kundtun in sozialen Netzwerken, Blogs, Online-Beurteilungen und mehr. Ideale (demokratische) Verhältnisse also, aber leider gibt es doch ein großes Problem, denn es gibt immer mehr Anlass, sich die folgende Frage zu stellen: Wer ist eigentlich der "digitale Mensch", der Urheber des Textes, den ich gerade lese? Vertraue ich der Quelle, ist sie authentisch oder werde ich (wiedermal) vorgeführt?
Öl auf die Mühlen unserer Bemühungen um vertrauenswürdige Informationen goss nun auch eine große deutsche Transportgesellschaft, streikerprobt und tätig im Güter- und Personenverkehr. Diese musste jetzt zugeben, es mit der Urheberschaft nicht immer so genau zu nehmen und sogar bewusst mit gefälschten Identitäten zu arbeiten. Über eine Million Euro hat das Unternehmen eigenen Angaben zufolge ausgegeben, um ihr Image, - durch Datenschutzskandale und Streiks angeknackst - mittels verdeckter PR-Aktionen zu verbessern. Wie der
Spiegel berichtet, wurden dazu u.a. manipulierte Leserbriefe, fingierte Beiträge in Online-Foren, vorproduzierte Medienbeiträge und gefälschte Meinungsumfragen eingesetzt.
Onlinemedien scheinen prädestiniert dafür zu sein, Autoren und Urheberschaft zu verschleiern, gezwitschert wird ja bekanntlich auch gerne unter
falschem Namen. Können wir uns aus diesem Dilemma befreien oder müssen wir
skeptischer denn je werden, vielleicht sogar dem vom bekannten Zukunftsforscher Matthias Horx beschriebenem neuen Trend
"Offline" folgen? Laut Horx‘ aktuellem Trendreport haben bereits viele gemerkt, dass ihnen durch intensive Interneterfahrungen die sozialen Kontakte verloren gehen und dass die digitalen Freunde nicht so verlässlich sind wie die realen. Entsprechend hätten Firmen bereits E-Mail-freie Tage eingeführt und in vielen Restaurants und Cafés seien Handys und Laptops nicht mehr willkommen.
Also keine Bewegung ohne Gegenbewegung? Wenn wir davon ausgehen, dass Horx Recht hat, könnten sich unsere digitalen Fakeautoren in digitalen Staub verwandeln, für die sich niemand mehr interessiert, womit das Problem der verschleierten Urheberschaft galaktisch einfach gelöst wäre. Oder brauchen wir doch andere Lösungen?