Die bunte Welt der aufgewühlten Wasser

23.6.2009 · Verfasst von: FSJ
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©istock.com/JLGutierrez
Nach zwei Stunden Kunstunterricht stelle ich mir erneut die Frage: In welcher literarischen, gesellschaftlichen, oder Sonstwasströmung leben wir? Wir teilen die Vergangenheit in geschichtliche, geistige Abschnitte ein: Romantik, Expressionismus, usw. Aber nicht nur bei Kunstkünstlern ist das so. Auch in Musik und Literatur versuchen Menschen, die Künstler einer Zeit zuzuordnen. Dies ist wohl der Grund dafür, dass die meisten postmortum so berühmt werden, wie sie sich nie hätten träumen lassen. Ihr Einfluss auf die kulturelle Entwicklung wurde zu spät erkannt. Ist es also unmöglich, die aktuelle Situation zu erfassen.
 
Ich werde überflutet von Gedanken, von Emotionen, von Versuchen die Welt so darzustellen, wie sie ist. Federleicht verwundete, verschnörkelte Sätze intellektuellen Inhalts. Fotos in bunt und schwarz-weiß wollen Aufmerksamkeit. Die Flutwelle kommt aus den neuen Medien. Sie machen es unmöglich die Spitze unter den Denkern auszumachen, geschweige denn, ihnen in ihrer Zeit eine Überschrift zu verpassen.
 
Und während ich sitze und schreibe, was um mich herum und in mir drin passiert, werde ich wahrscheinlich von der Geschichte selbst beeinflusst. Ich bin nur eine Folgeströmung. Ob unsere Strömung wohl andere Folgeströmungen beeinflusst, so, wie es früher war? Oder ob das lockere Umgehen mit Urheberrechten am Ende alle auseinanderführt, alle zu Individuen mit einer eigenen Strömung macht, weil niemand mehr die großen Beeinflusser benennen kann? Denn es kann schnell passieren, dass ein Artikel, ein Lied oder ein Foto mit allen Aussagen dahinter verfälscht und falsch verstanden werden, wenn der Name des Künstler unterwegs verloren geht.
 
So surfen wir weiter auf dieser Welle. Vielleicht hat jeder insgeheim die kleine Hoffnung von Analytikern der Welt - in der heutigen Zeit zählt jeder dazu - erkannt und, wenn auch postmortum, als Spitze eingeordnet zu werden. Gleichzeitig schrumpft und schrumpft diese Wahrscheinlichkeit zusammen mit dem Verlust von Originalität und ersäuft am Ende.
 
Doch da wir den Kopf vor Naturgewalten nicht einziehen können, müssen wir schwimmen lernen. Rettung heißt Denken vor Veröffentlichung und damit Verantwortlichkeit für die eigenen Inhalte übernehmen. Meinung geigen statt ignorieren und damit bewegendes auseinanderpflücken anstatt aus Überforderung zu resignieren. Und so bauen wir einen Staudamm, Stein für Stein, wenn wir mit unserem Namen anderer Leute Gedankengut würdigen und Stoff für die Zukunft, für unsere Nach-Tod-Zeit schaffen.
 
Regine Gerhards